Auf Zeitreise im Museum Tiroler Bauernhöfe

Eintauchen in die bäuerliche Welt längst vergangener Jahrhunderte. Mit allen Sinnen erleben, wie die Menschen damals den Alltag meisterten. Im Freilichtmuseum Tiroler Bauernhöfe in Kramsach begebe ich mich auf Zeitreise in die Vergangenheit der Bauernschaft. Die ebenso fachkundige wie unterhaltsame Führung des Museumskustos Thomas Bertagnolli gewährt mir Einblicke in Lebenswelten, die uns heute sowohl faszinieren als auch hart und fremd erscheinen.

Osttiroler Höfe im Museum Tiroler Bauernhöfe in Kramsach
Osttiroler Höfe im Museum Tiroler Bauernhöfe in Kramsach

Insgesamt 37 Bauernhöfe und Nebengebäude aus ganz Tirol wurden in mühevoller Kleinarbeit an ihren ursprünglichen Standorten abgebaut und am Museumsgelände in Kramsach originalgetreu wieder errichtet. Sie bilden die bis ins letzte Detail authentische Bühne, um das bäuerliche Leben und Arbeiten vor der Industrialisierung wiedererstehen zu lassen. Der Rundgang führt zuerst durch das Tiroler Unterland mit seinen Seitentälern, erreicht Osttirol und Südtirol und findet seinen Abschluss im Tiroler Oberland.

 

Wir starten unsere Runde mit dem aus dem Jahr 1675 stammenden Hackler Hof aus dem Alpbachtal. Am Weg dorthin erfahre ich von Thomas Bertagnolli, wie sehr die Landschaft Tirols mit ihren Wäldern, Almen und Bergen bäuerliche Hofformen und Strukturen prägte. In Nordtirol stehen gerade einmal 11% der Gesamtfläche als Siedlungsraum zur Verfügung, in Osttirol 8% und in Südtirol überhaupt nur 7%. Bergbauernhöfe lagen weit weg von Ortschaften, an denen die bäuerlichen Erzeugnisse hätten verkauft werden können. Die Wege dorthin waren lang und beschwerlich. Produziert wurde darum in erster Linie für den Eigenbedarf und zwar alles, was eine Bauernfamilie zum Leben brauchte: Nahrungsmittel, Bekleidung, Alltagsgegenstände.

 

Hackler Hof aus dem Alpbachtal im Museum Tiroler Bauernhöfe
Hackler Hof aus dem Alpbachtal im Museum Tiroler Bauernhöfe

Wer den Hackler Hof betritt, befindet sich im Hausgang, dem "Hauptplatz" des Hofes, um den sich die Räumlichkeiten gruppieren. Die Stube richtet sich für optimalen Lichteinfall gegen Süden. Ein großer Raum mit Ofen, Essplatz mit Herrgottswinkel ist sie, in dem sich besonders im Winter das Leben abspielte.

 

Recht urig muss es hier zugegangen sein mit all den Menschen und Hühnern, die sich die Stube teilten. Schlechte Luft, Gestank und Krankheitskeime belasteten den Raum. Hygiene kannte damals keiner. Abgesehen von Krankheiten führten Verletzungen in der Regel zu gravierenden gesundheitlichen Problemen. Die Lebenserwartung lag entsprechend niedrig.

 

Von den Schlafkammern im Obergeschoss gelangte man auf den Balkon. Lange vor der Erfindung von Balkonien diente der Balkon zu nichts anderem als einen direkten Weg zu der Einrichtung zu schaffen, die damals zur Verrichtung der Notdurft diente. Oder etwas salopper ausgedrückt: der Balkon war einzig und allein der Weg aufs Klo.

 

Wir wandern indessen weiter zum Hörl Hof aus der Gegend des Walchsees. Die künstlerisch anmutende Inschrift an der Hauswand verrät, dass der Bauernhof aus dem Jahr 1577 stammt.

 

Hörl Hof vom Walchsee im Museum Tiroler Bauernhöfe
Hörl Hof vom Walchsee im Museum Tiroler Bauernhöfe

Zwar älter, wirkt der Hof auf mich trotz allem großzügiger und nicht ganz so rustikal wie der Hackler Hof. Was sich damit erklären lässt, dass die Lage im Tal zum einen anderes Baumaterial zum Einsatz kommen ließ und zum anderen den Handel mit Erzeugnissen des Bauernhofs begünstigte. Während Bergbauern praktisch nur Milchprodukte zum Verkauf anboten, lebte man auf Höfen wie dem Hörl Hof beispielsweise auch vom Handel mit Stoffen.

 

Thomas´ Frage, ob ich eine Ahnung hätte, warum der Hausgang so breit sei, kann ich nur mit verneinendem Kopfschütteln beantworten. Seine Antwort fällt denkbar praktisch aus. Der Gang musste breit genug sein, um ein geschlachtetes Schwein zum Zerlegen aufhängen zu können. Dieses und viele weitere Details erfahre ich während meiner Führung, die spannender nicht sein könnte. Wer ohne Führung im Freilichtmuseum unterwegs ist, kommt dennoch gut zurecht.

 

Themenstationen, ausführliche Informationstafeln, von erstaunlich gut hinter alten Holzbalken versteckten Projektoren ausgestrahlte Videoinstallationen, die den Anschein erwecken, als wären die Bewohner des Bauernhofs auferstanden und würden höchstpersönlich aus ihrem Leben erzählen sowie Stationen für Kinder, die spielerisch altes bäuerliches Wissen und Fertigkeiten vermitteln, bereichern den Rundgang für jedermann.

 

Viel zu schnell geht meine Führung zu Ende. Bis nach Südtirol und ins Tiroler Oberland schaffen wir es an diesem Nachmittag nicht mehr, denn das Museum schließt. Dabei würden an den dortigen Stationen angeblich noch ein paar deftige Gschichtln auf mich warten.

 

Und so verspreche ich, wiederzukommen für eine weitere Zeitreise in die Bauernwelt vergangener Jahrhunderte.

 

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